Die gute Seite der Trauer - gibt es sie?

Die gute Seite der Trauer - gibt es sie?

Immer wieder höre ich solche oder ähnliche Sätze: "Ich bin ja bereit zu trauern. Ich weiß, dass es nach dem Verlust dazu gehört. Aber ich möchte endlich fertig sein damit. Ich möchte, dass die Trauer bald vorbei ist." Ja, es ist schmerzhaft zu trauern. Wir kommen in Berührung mit Facetten in uns, die wir vielleicht so bisher noch nicht kannten. Das Gefühl von Traurigkeit überfällt uns manchmal, ohne dass wir es ahnten und plötzlich fließen Tränen, denen wir uns hilflos ausgesetzt fühlen.

Doch wie fast alles im Leben, hat auch Trauer zwei Seiten. So möchte ich Sie heute einladen, mit mir gemeinsam einen Blick auf die guten Seiten der Trauer zu werfen.

Trauer sortiert Prioritäten neu

Viele Trauernde machen die Erfahrung, dass manches, was vorher wichtig erschien, in eine neue Relation gerät. Sie sortieren, was ihnen angesichts des Verlustes wirklich wichtig ist. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, denn Trauer kostet viel Kraft, die dann an anderer Stelle fehlt. Also stellen wir uns automatisch die Frage: wofür möchte ich meine Energie, die mir neben der Trauer bleibt, aufwenden? Was tut mir gut (denn das gibt wieder Kraft!)? Was nicht gut tut oder unwichtig erscheint, wird aussortiert. Gut so!

Trauer setzt neue Kräfte frei

Dieser gerade beschriebene Weg, sich auf das Wesentliche im Leben zu fokussieren, führt häufig dazu, dass wir uns trauen, Dinge anzugehen, die wir lange beiseite geschoben haben. Im Angesicht unserer eigenen Endlichkeit spüren wir, dass wir eben nicht noch unendlich viel Zeit haben, die eigenen Träume zu verwirklichen. Das macht uns mutiger, sie nicht weiter aufzuschieben, sondern endlich anzugehen. Sogar berufliche Veränderungen sind dann plötzlich leichter möglich.

Wenn Sie - auch ohne aktuellen Trauerfall - entdecken möchten, welche Dinge in Ihrem Leben darauf warten, in der Priorität nach oben zu rücken, dann empfehle ich Ihnen die Erstellung einer sog. Löffelliste - die Liste dessen, was Sie noch erleben bzw. erledigen möchten, bevor Sie den Löffel abgeben! Warten Sie also nicht erst auf eine Trauersituation, um das zu tun, was Ihnen wirklich wichtig ist!

Trauer drückt tiefe Verbundenheit zum Verstorbenen aus

Ok, ich höre schon Ihren Einwand! .... und genau deshalb ist sie so schmerzhaft. Was soll daran gut sein? Aber ist es nicht wunderschön, solche Menschen zu kennen, zu denen wir eine innige Beziehung haben? Und ist es nicht auch gut, sich mit diesen Menschen auch nach ihrem Tod weiterhin verbunden fühlen zu können? Klar, auf andere Art und Weise, die wir vielleicht nicht gleich akzeptieren möchten. Es braucht einfach Zeit, in dieses Gefühl von Dankbarkeit zu finden und den eigenen, ganz individuellen Ausdruck von Verbundenheit zu entdecken.

Lassen Sie es mich abschließend so ausdrücken: Trauer lässt uns leben! Denn ohne dieses schmerzhafte Gefühl könnten wir auch den Gegenpol, die Freude, nicht so intensiv spüren. Ohne dieses Gefühl würden wir manch tolle Seite an uns selbst nicht entdecken. Ohne dieses Gefühl würden wir den einen oder anderen wertvollen Weg nicht gehen.

Welche guten Seiten von Trauer haben Sie bereits erlebt? Ich wünsche Ihnen jedenfalls wohltuende Erkenntnisse bei der Entdeckung von positiven Seiten Ihrer Trauer!

Herzlichst

Ihre Christine Kempkes