Die Sache mit der Trauer

Die Sache mit der Trauer

Achtung! Es könnte sein, dass diese Seilbotschaft Sie berührt, weil sie Sie mit einem Thema in Kontakt bringt, über das Sie nicht so gern sprechen. Es geht heute hier um Trauer nach dem Verlust eines lieben Menschen. Und: es wird sehr persönlich! Ich lade Sie herzlich ein, vielleicht mit einer Tasse Tee oder Kaffee, meinen Gedanken darüber zu folgen, wie wir selbst mit Trauer umgehen und auch, wie wir andere in ihrer Trauer einfühlsam begleiten können.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

  • Eine Freundin verliert einen geliebten Menschen und Sie tun sich schwer, die "passenden Worte" für sie zu finden.
  • Sie trauern selbst um einen geliebten Menschen und erleben, wie die Traurigkeit Sie immer wieder überfällt.
  • Ein Kollege hat einen nahen Angehörigen verloren und Sie nehmen wahr, dass er einige Monate danach immer noch nicht wieder "der Alte" ist.

Trauer ist, so mein Eindruck, bei uns in Deutschland vielfach ein Tabuthema. Der Tod ist eine Sache für sich, irgendwie gehört er nicht zum Leben dazu. Traurigkeit wird zwar für kurze Zeit zugestanden, aber dann soll auch bald wieder Normalität einkehren. Trauernde mögen bitte so schnell es geht wieder funktionieren, am Leben teilnehmen - "das Leben geht weiter" ist ein oft gehörter Satz, der Trost spenden soll.

Trauer kennt kein Muster

Doch wie geht das Leben weiter? Auf jeden Fall anders, wie ich finde. Denn im Unterschied zu vorher habe ich nun meine Trauer im Gepäck. Sie gehört ab sofort zu mir, ob ich möchte oder nicht. Als mein Vater vor fast genau einem Jahr starb, durfte ich mich selbst in einer neuen Facette kennenlernen. Ich lernte, dass meine Trauer ...

...  wellenförmig verläuft: bis heute kommt sie in Schüben, nicht nur rings um besondere Festtage, wie Weihnachten oder Geburtstage, sondern auch sonst schleicht sie sich - manchmal zunächst kaum spürbar - in meinen Alltag.

... völlig unvorhersehbar ist: Momente, die ich mir schwierig vorstelle, gelingen oft leicht und dafür laufen plötzlich ohne Vorwarnung beim Autofahren , z.B. bei einem Lied im Radio, die Tränen.

... wie ein Seismograph für mich ist: meine Trauer hat mich gelehrt, gut auf mich Acht und meinen Gefühlen Raum zu geben. Je besser ich das berücksichtige, desto konstruktiver kann ich mit meiner Traurigkeit umgehen.

Wenn Sie selbst schon Erfahrung mit Trauer gemacht haben, könnten Sie sicher noch ganz viele weitere Beschreibungen für IHRE Trauer ergänzen. Denn das habe ich auch gelernt: Trauer ist so individuell wie wir Menschen alle unterschiedlich sind. Tod und Trauer bringen uns mit unserem Innersten in Kontakt und so ist auch die Art und Weise, damit umzugehen von unserem Wesenskern geprägt. Daher lautet mein Credo: alles ist möglich und alles ist gut!

Mit Trauer umgehen - aber wie?

Allgemein gültige Tipps habe ich nicht für Sie im Gepäck - wie auch, wenn Trauer so facettenreich und vielschichtig ist. Aber vielleicht finden Sie unter den folgenden Punkten Inspiration für Ihren persönlichen Umgang mit Trauer. Sei es für Ihre eigene Trauer oder die erlebte Trauer in Ihrem Umfeld.

Trauer ist ein Prozess

... und der braucht Zeit! Orientieren Sie sich nicht an dem, was vermeintlich von Ihnen erwartet wird. Auch das berühmte Trauerjahr ist nicht mehr als ein Anhaltspunkt, weil nach einem Jahr eben alle regelmäßigen Feier-Tage erstmals nach dem Tod durchlaufen wurden. Nehmen Sie sich die Zeit, die SIE benötigen und gestehen Sie anderen Menschen die Zeit zu, die ihre Trauer braucht. Seien Sie geduldig mit sich und mit anderen!

Und: probieren Sie aus, was Ihnen in diesem Prozess hilft, eine Ausdrucksform für Ihre Trauer zu finden. Ob es die Kerze am Foto des Verstorbenen ist, die sie abends in einer stillen Stunde anzünden. Oder die Zwiesprache am Grab. Oder das Erinnerungsbuch, in dem Sie Ihre schönen Erinnerungen, Anekdoten und Erlebnisse notieren. Ich selbst nähe gerade aus Hemden meines Vaters zum 1. Todestag Kissen für alle Enkel.

Trauer braucht Liebe

Vielleicht mögen Sie sich selbst nicht besonders, wenn Sie immer und immer wieder in dunklen Gedankenschleifen hängen. Wenn es Ihnen einfach nicht gelingt, Ihren Alltag mit dem gewohnten "Vollgas" zu leben. Gerade jetzt: seien Sie gutmütig mit sich selbst. Schauen Sie LIEBEvoll auf das, was da gerade mit Ihnen geschieht: Trauer ist auch Entwicklung. Sie dürfen wachsen in einer Dimension, die Ihnen vielleicht bisher neu ist und daher anfangs verunsichert.
Wenn Sie Trauernde in Ihrem Umfeld begleiten: verschenken Sie großzügig Liebe, Zuwendung und Wertschätzung! Das ist das schönste Geschenk, das Sie machen können.

Trauer gehört zum Leben - immer

Ich bin schon häufiger gefragt worden, wann das denn endlich ein Ende habe mit der Trauer. Irgendwann müsse das alles doch mal verarbeitet sein. Verarbeitet ja, aber die Trauer gehört dennoch dauerhaft dazu. Sie ist Teil unseres Gepäcks und das ist auch gut so! Nach meiner Erfahrung geht es nicht darum, mit der Trauer irgendwann fertig zu sein, sondern sie ins Leben zu integrieren. Zu akzeptieren, dass sie genauso eine Daseinsberechtigung hat wie alle positiven Gefühle. Denn diese kann ich umso intensiver wahrnehmen und wertschätzen, wenn ich eben auch die schwierigen und traurigen Gefühle bewusst spüre.

Vielleicht hilft Ihnen das Bild des Rucksacks, in dem Sie die verschiedenen Emotionen, die Ihr Leben ausmachen, mit sich tragen: Freude, Neugier, Lebenslust, (ergänzen Sie hier, was zu Ihnen passt!) und eben auch die Traurigkeit. Sicher gibt es Phasen, da liegt die Trauer ganz oben auf und andere Zeiten, da können Sie sie etwas tiefer verstauen. "Schön, dass Du da bist, liebe Trauer, aber jetzt liegt gerade mal meine Freude über ... ganz oben. Du bist später wieder dran." könnte eine hilfreiche innere Haltung sein. Und wenn Ihre Trauer mal wieder anklopft, dann heißen Sie sie willkommen: "Da bist du ja, komm', lass uns ein Stück Hand in Hand gehen. Was möchtest Du mir erzählen?"

Trauerbegleitung - wertvolle Unterstützung in schweren Zeiten

Ein letzter Hinweis liegt mir noch sehr am Herzen. Nicht immer ist es uns möglich, allein einen Weg durch diesen Trauerprozess zu finden. Manchmal tut es einfach gut, sich mit anderen in einer vergleichbaren Lebenssituation auszutauschen und eine Wegstrecke gemeinsam zu gehen. Wenn Trauer unseren Alltag so sehr bestimmt, dass sie uns lähmt, wenn wir gar keinen Blick mehr auf das finden, was Positives in unserem Leben ist, dann ist es an der Zeit, sich Hilfe zu holen. Dafür gibt es flächendeckend ganz wunderbare Angebote von Trauergruppen; sicher werden Sie auch in Ihrer Nähe fündig.

Und wenn für Sie die Gruppensituation nicht die passende ist, dann gibt es auch Trauerbegleitung im Einzelsetting! Auch ich biete ich Ihnen gern mein Ohr und meine Zeit an. Behutsam begleite ich Sie durch Ihre Trauer, sodass Sie IHREN inneren Kompass wieder aktivieren können und Ihre Kraftreserven aufgefüllt werden.

Von Herzen wünsche ich Ihnen in guten wie in schweren Tagen einen liebevollen Blick auf alles, was Ihr Leben ausmacht und Ihren Rucksack füllt!

Herzlichst

Christine Kempkes