Aus dem Tagebuch eines Weihnachtsengels ....

Aus dem Tagebuch eines Weihnachtsengels ....

24. Dezember. Mitternacht. Ich frage mich ernsthaft, ob ich überhaupt gemacht bin für diesen Beruf. Ich könnte mir im neuen Jahr etwas anderes suchen. Vielleicht werde ich Briefträger. Ich hatte beschlossen, in die Kirche zu gehen. Zur Feier des Tages zog ich meine Festtagssachen an. Weißes Kleid, Federflügel, das volle Programm.

Um drei Uhr kam ich nicht mehr hinein in die Kirche. Die Dame am Eingang sagte mir mitleidig, da hätte ich schon vor einer Stunde da sein müssen. Ich erfuhr, dass es noch drei weitere Gottesdienste gäbe. Um 16 Uhr kam ich dann auch hinein. Ich stellte mich vorn neben den Weihnachtsbaum und rief: "Fürchtet euch nicht!" Weiter kam ich nicht. Ein Mann im dunklen Anzug zog mich zur Seite und raunte, ich wäre noch nicht dran. Um 18 Uhr war es ruhiger. Voller Hoffnung wollte ich meine Botschaft unter die Menschen bringen. Ich stellte mich auf die oberste Stufe und wollte gerade ansetzen, da kam mir der Posaunenchor zuvor. Meine Worte verklangen unter "Oh, du Fröhliche!". Um 23 Uhr war ich erschöpft. Dennoch trat ich vor und rief: "Euch ist heute der Heiland geboren!" Der Pastor zischte, dass wir doch abgesprochen hätten, eine moderne Übersetzung zu benutzen. Ich wusste nicht, was er meinte, und gab auf.

Draußen setzte ich mich auf die Stufen der Kirche. Die klare Luft tat gut. Dann läuteten die Glocken und die Menschen strömten hinaus. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. "Bist du ein Engel?", fragte eine alte Dame. Sie trug einen gestreiften Pyjama unter ihrem Mantel, was ich sonderbar fand. Ich nickte. Sie strahlte. "Na, dann guck doch nicht so bedröppelt. Ist doch Weihnachten!" Schnell zog sie ein Mann beiseite und entschuldigte sich. Seine Mutter sei etwas wirr.

Wirr? Vielleicht. Aber sie hatte mich erkannt.

(Susanne Niemeyer)

Vielleicht kennen Sie das: nicht gesehen worden zu sein - in dem, was Sie tun oder in dem, was Sie als Person ausmacht. Das fühlt sich nicht gut an. Ich fühle mich dann minderwertig, nicht angenommen, komme mir überflüssig vor. Wir Menschen möchten wahrgenommen werden - das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Es geht nicht darum, dass alles, was wir tun, Begeisterungsstürme hervorruft. Es geht auch nicht darum, die eigene Person oder Leistung in den Mittelpunkt zu stellen. Vielmehr geht es oft um die ganz kleinen Dinge, die so viel ausmachen können: ein aufrichtiges Dankeschön für den gebackenen Kuchen oder die herzliche persönliche Begrüßung des Chefs.

Die Adventszeit ist da. "Oh je, es ist schon wieder so weit ... und so viele Termine ... " höre ich in diesen Tagen oft. Ja, das stimmt, wir laden uns gerade im Jahresendspurt gern besonders viel auf. Und dennoch möchte ich Sie ermutigen, einen weiteren Termin auf Ihren Tagesplan zu setzen: zehn Minuten Zeit nur für Sie! Einmal am Tag innehalten und tief durchatmen, dem Atem spüren, die Gedanken ziehen lassen und wahrnehmen, was ist. Eine kleine Oase im Alltag. Die Wahrnehmung des anderen beginnt nämlich schon bei uns selbst. Wer achtsam mit sich selbst umgeht, wird auch seinem Umfeld Aufmerksamkeit schenken.

Ich wünsche Ihnen eine segens- und oasenreiche  Adventszeit - vielleicht beschenken Sie ja sich und Ihre Mitmenschen wie die alte Dame im Pyjama den Engel erfreute?

Herzlichst

Ihre Christine Kempkes