Herbst-Seilbotschaft

Herbst-Seilbotschaft

„Wer loslässt, hat zwei Hände frei.“  (aus China)

Es ist unübersehbar Herbst geworden. Die Tage werden kürzer, was ich jeden Morgen zu spüren bekomme - es ist noch dunkel, wenn der Wecker um 5.50 h unsanft das Ende der Nacht einläutet. Die Nächte sind kühl und malen erste Farbtupfer in den Wald. Der Morgennebel liegt über den Wiesen. Er taucht sie in ein sanftes Licht, wenn die Sonne sich den Weg bahnt. Auch drinnen verändert sich etwas: ich habe wieder Lust, abends Kerzen anzuzünden. Mache es mir gemütlich mit einem Glas Wein und einem guten Buch (im Moment: „In meinem  Element“ von Ken Robinson – sehr empfehlenswert).

Ich liebe diese Jahreszeit und frage mich in diesen Tagen, woran das liegen mag. Als Erstes fällt mir das Augenscheinliche ein:  die Farben – Rot und Orange in allen Nuancen, wer mich kennt (und meine Website anschaut!), weiß, dass sie meine Lieblingsfarben sind. Zeigt sich die Sonne, und das tat sie in den letzten Wochen ja häufig, dann hat sie nicht mehr die stechende Kraft des Hochsommers, sondern breitet eine sanfte Wärme aus. Der Wind lässt die ersten Blätter zu Boden tanzen, meine Füße bringen das Laub zum Rascheln. Gerne erinnere ich mich an eigene Kindheitstage und auch die Zeit, als meine Kinder klein waren, als wir besonders schön gefärbte Blätter sammelten, pressten und zu kleinen Kunstwerken zusammenfügten.

Auf den zweiten Blick hat der Herbst für mich noch einen weiteren, tiefer liegenden Reiz: die Natur verändert sich radikal und setzt einen immer währenden Kreislauf von Wachsen und Verdorren fort. Sie geht in ihren Winterschlaf, lässt fallen, zieht sich zurück, um Kräfte zu sammeln für die dunkle Zeit des Winters. Um dann im Frühjahr erneut ihre ganze Kraft zu entfalten und neues Wachstum zu ermöglichen. Eigentlich ein schönes Bild für uns Menschen: sich von etwas trennen, das Leben entrümpeln von Ballast. Sich ganz auf sich besinnen. Was ist mir wirklich wichtig? Was trage ich unnötig mit mir herum? Wovon sollte ich mich lösen, um mir im wahrsten Wortsinn Erleichterung zu verschaffen?

Mir gefällt das Bild des chinesischen Sprichworts, beide Hände frei zu haben, wenn ich loslasse. Denn das Loslassen fällt uns oft so schwer. Es erfordert Mut, vermeintlich für mein Leben Wichtiges, und sei es „nur“ Einfluss, aufzugeben. Es erfordert Vertrauen, dass Dinge auch ohne mich funktionieren – genauso gut funktionieren oder eben anders, aber dennoch gut! Und Loslassen erfordert auch eine gehörige Portion Gelassenheit, sich auf das einzulassen, was an die Stelle des Losgelassenen tritt. Vielleicht ist es zunächst eine Leere, die verunsichert. Vielleicht ist es aber auch der Raum für ganz neue Wege, die ich bisher nie gegangen bin oder nicht gehen wollte.

Um im Bild zu bleiben, habe ich somit ja beide Hände frei, um mich ganz und gar einer Veränderung zu stellen, sie mit beiden Händen zu be-greifen. Da sind wir wieder bei meinem geliebten Herbst gelandet. Er führt mir Jahr für Jahr eindrucksvoll vor Augen, dass Veränderung nichts Schlimmes ist, sondern Notwendigkeit, um zu einem anderen Zeitpunkt Wachstum zu ermöglichen.

Welche ist Ihre Lieblingsjahreszeit – und warum? Ich wünsche Ihnen anregende Gedanken und einen sonnigen, farbenfrohen Herbst!

Ihre Christine Kempkes