Konflikte einmal anders betrachtet!

Konflikte einmal anders betrachtet!

Eigentlich sind meine Seilbotschaften ja gar kein richtiger Blog, sondern eher eine lose Sammlung von Inspirationen ... dennoch möchte ich mich mit dieser heutigen Seilbotschaft an der Blogparade von Christina Wenz, einer wunderbaren Juristin und Mediatorin, beteiligen. Ihr besonderes Steckenpferd - was für ein schönes Wortspiel! - sind Tiermediationen, also alle Konflikte, die rund um die Haltung von und das Zusammenleben mit Tieren entstehen können. Auf ihrem Blog finden Sie allerhand Lesenswertes aus dem weiten Feld des Konfliktmanagements - schauen Sie doch einfach mal rein.

Unter dem Titel "Konflikte als Chance" lädt Christina Wenz dazu ein, das oft mit negativen Assoziationen belegte Thema "Konflikt" durch die positive Brille zu betrachten. Also den Blick nicht nur auf das Schwierige oder auf den Schmerz zu richten, sondern auch die Chance zu sehen, die in jedem Konflikt liegt - zugegebenermaßen manchmal etwas versteckt, ist sie nicht immer auf Anhieb sichtbar. Für mich als Mediatorin UND Coach ist das natürlich eine Steilvorlage! Denn die sog. Ressourcenorientierung im Coaching ist eine wichtige Grundhaltung und beinhaltet genau diesen Blick auf das Positive und damit auch auf die Kraft, die sich aus schwierigen Situationen entwickeln kann.

Auch Profis können nicht alles ...

Ich möchte heute ein kleines Thema aus der großen Überschrift "Konflikte als Chance" beleuchten und die Lupe auf die Frage legen, warum es mir selbst als ausgebildete Mediatorin nicht immer gelingt, in eigenen Konflikten souverän zu agieren. Tja, jetzt ist es raus! Theoretisch ist mir so Vieles klar, was in Konfliken passiert, wie die Mechanismen sind, und in der Praxis kann ich wunderbar als allparteiliche Vermittlerin meinen Beitrag zur Lösung leisten ... so lange, wie ich nicht selbst am Konflikt beteiligt bin! Dann nützt mir alles Handwerkszeug nicht, jegliches Hintergrundwissen ist vergessen, die Situation eskaliert quasi "mustergültig", wie es im Lehrbuch steht.

Die Ursache dafür liegt im systemischen Zusammenhang. Sobald ich Teil des Systems bin - und ein Konflikt ist ein solches System - fallen wesentliche Grundpfeiler, die Mediation so erfolgreich machen, weg: die Allparteilichkeit, also als Mediatorin die Interessen aller Beteiligten im Blick zu halten, sowie die Neutralität, also das Sich-heraus-halten aus dem Thema. Als selbst Betroffene liegen mir meine eigenen Interessen natürlich näher, als die meines Gegenübers und die hochkochenden Emotionen sorgen automatisch dafür, dass ich mich nicht heraushalten kann.

Dazu ein kleines Beispiel aus dem Familienalltag: Konflikte rund um das leidige Thema Hausaufgaben! Wenn Sie Kinder im schulpflichtigen Alter haben oder sich an Ihre eigene Schulzeit erinnern, kommt Ihnen das vielleicht bekannt vor:

  • Jeden Mittag das gleiche Spiel: Sie werden um Hilfe gebeten, aber in Nullkommanix fliegen Ihnen Sätze à la "Du hast ja keine Ahnung, das wurde mir ganz anders erklärt" entgegen.
  • "Nein, und das ist mir auch egal" ist die Standardantwort eines Pubertierenden auf die dezente Nachfrage, ob die Hausaufgaben schon fertig sind.

Noch jeweils fünf Sätze weiter fortgeschritten, hat sich der Konflikt so richtig schön hochgeschaukelt. Ich kann Sie beruhigen: mich katapultieren diese und ähnliche Situationen auch regelmäßig raus aus meiner Komfortzone! "Von Null auf Zicke in 10 Sekunden" steht auf einer Karte in meiner Küche, und dieser Satz gilt dann leider manchmal auch für mich ... ;-)

In meinem eigenen Mutter-Tochter- oder Mutter-Sohn-System ist das mit dem Rundum- und Durchblick und der Distanz nun einmal so eine Sache! Systeme haben nämlich die Angewohnheit, sich in Gänze zu verändern, wenn sich nur ein kleiner Baustein verändert. Und genau das passiert im Konflikt: mein Gegenüber agiert und das löst bei mir eine Re-Aktion aus. Anders als in meiner professionellen Rolle als Mediatorin, in der mich die Aktion des Gegenübers nicht trifft, ich also nicht re-agieren muss, spüre ich als Beteiligte am Konflikt den Impuls im System und bewege mich ebenfalls. Oftmals ist das der Anfang eines kleinen Ping-Pong-Spiels.

Zwei Seiten derselben Medaille

Genau darin liegt, wie so oft im Leben, gleichermaßen die Chance von Konflikten: sie bringen Systeme in Bewegung! Und Bewegung setzt Energie frei, die ich positiv nutzen kann. Energie, die mir Kraft gibt, weil sie mir meine Lebendigkeit vor Augen führt. Sie kennen bestimmt das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn Sie einen Konflikt für Sie und auch die übrigen Beteiligten stimmig lösen konnten.

Ich stelle mir das bildlich wie ein Glas voller Steine vor. Wenn es kräftig ruckelt, verrücken die einzelne Steine und fügen sich besser aneinander. Schließlich passen sogar mehr Steine in das Glas. Es ist also Platz für Wachstum entstanden. Oder wie Helmut Glaßl es ausdrückt: in Konflikten findet Entwicklung statt, sie sind ihm zufolge die "Mutter der Entwicklung".

Was können Sie nun tun, um diese Chance auf Entwicklung, die in Konflikten steckt, bestmöglich zu nutzen?

Haltung einnehmen!

Mit der inneren Haltung, dass Konflikte nicht der Untergang des Abendlandes sind, sondern Wachstum und Entwicklung ermöglichen, nehmen Sie dem Konflikt von vorneherein seinen Schrecken. Versuchen Sie es mal mit: "Hej, lieber Konflikt, herzlich willkommen, ich bin gespannt, was ich diesmal aus dir lernen und wie ich an dir wachsen kann!". Das fühlt sich vielleicht im ersten Moment etwas seltsam an, aber es hilft ... bestimmt!

Das System im Blick halten!

Als Teil des Konflikts sind Sie automatisch auch Teil der Energie, die freigesetzt wird. Und noch viel besser: Sie können selbst beeinflussen, welche Energie entsteht. Denn nicht nur die Impulse des Gegenübers, sondern auch die Impulse, die Sie selbst setzen, bringen ebenfalls das System in Bewegung.

Tief durchatmen und nochmal drauf schauen!

Im Konflikt selbst sind wir oftmals wie ferngesteuert. Wenn sich die Wogen wieder etwas geglättet und Sie mehrmals tief durchgeatmet haben, ist es Zeit, sich das Szenario noch einmal quasi "von oben" anzusehen. Was ist passiert? Wer hatte da welche Rolle im System? Welche Bewegungen fanden statt? Das hilft mir übrigens auch mit meinen Kindern, in der gemeinsamen Rückschau zu entdecken, was passiert ist und was wir daraus lernen können.

Wenn alle Stricke reißen: Mediation!

In wirklich festgefahrenen und lang anhaltenden Konflikten, die Sie mit den genannten "Hausmittelchen" nicht lösen können, ist eine professionelle Mediation der beste Weg. Ganz häufig stecken in Konflikten "Themen hinter den Themen" und die hilft Ihnen eine Mediatorin oder ein Mediator behutsam ans Tageslicht zu befördern. Das Erarbeiten einer für alle Seiten tragfähigen Lösung ist dann oft viel leichter als anfangs gedacht.

Abschließend noch eine gute Nachricht für Sie: es ist nie zu spät für Veränderung! Wir Menschen können ein Leben lang lernen, sofern wir offen dafür sind, Neues zu wagen. Also: warum nicht einmal Konflikte von einer anderen Seite aus betrachten?

Ich wünsche Ihnen dabei spannende Entdeckungen und frohes Wachsen!

Herzlichst

Ihre Christine Kempkes